Mein Kollege und Freund Markus Schulte-Hoetzel schickte mir kürzlich ein Buch mit dem Titel „Mit Kindern in Frieden leben – die Kunst im richtigen Moment das Richtige zu tun“, von Schoenaker, Schoenaker und Platt. Die Autoren sind bekannte Anwender der von Alfred Adler und Rudolf Dreikurs gegründeten „Individualpsychologie“. Du erinnerst dich vielleicht, dass Positive Discipline ebenfalls auf dem Lebenswerk von Adler und Dreikurs basiert. Daher war ich neugierig zu lesen, wie ähnlich oder unterschiedlich die Ansätze sind. Es war, als würde man die gleiche Sprache mit einem anderen Akzent hören: im Grunde identisch, aber mit einer etwas anderen Musik.

 

Besonders wichtig war für mich zu sehen, wie viel Wert im Buch darauf gelegt wurde,  schon so früh wie möglich Verantwortung an junge Kinder zu übergeben. Hier ist eine Passage von Seite 52, die du meiner Meinung nach interessant und wertvoll – und möglicherweise auch provokant – finden wirst.

Auf jeden Fall ist es besser für Sie und besser für die Entwicklung der Kinder, wenn wir mehr abgeben. Sie übernehmen zu viel Verantwortung. In vielen Familien sind die Hausaufgaben ein tägliches Drama, weil die Eltern die Verantwortung dafür übernehmen, dass die Kinder ihre Hausaufgaben machen. Eltern sind nicht verantwortlich dafür. Die Eltern haben beschränkte Verantwortungen. Die Eltern haben die Verantwortung, dass das Kind einen Wecker hat und sie müssen dem Kind beibringen, wie es ihn bedienen kann. Der Rest, das Aufstehen, ist die Verantwortung des Kindes. Die Eltern tragen die Verantwortung dafür, dass das Essen auf den Tisch kommt, aber sie tragen nicht die Verantwortung dafür, dass das Kind isst. Die Eltern haben die Verantwortung dafür, dass das Kind ein Zimmer und ein Bett hat, aber sie tragen nicht die Verantwortung dafür, dass das Kind schläft. Die Eltern haben die Verantwortung dafür, dass das Kind ein Turnsäckchen hat, aber nicht dafür, dass das Kind das Turnsäckchen mit in die Schule nimmt. Die Eltern, auch von jungen Kindern, haben die Verantwortung dafür, dass das Kind auf die Uhr schauen kann, wie spät es ist, aber nicht dafür, dass es pünktlich in die Schule kommt. Das ist ein grosses Aufgabengebiet in der Erziehung. Geben Sie so viel Verantwortung ab, wie Sie nur können und tun Sie so wenig für das Kind, wie es nur einigermassen geht. Die Verantwortung lassen Sie dort, wo sie hingehört.

“Wenn Sie die Verantwortung des Kindes übernehmen, signalisieren Sie dem Kind, dass sie dem Kind nicht zutrauen, dass es das kann. Das wirkt entmutigend. Und irgendwann fühlen Sie sich dann ungerecht behandelt, weil das Kind nichts tut und Sie immer alles machen müssen.”

 

Diese Autoren setzen sich wirklich dafür ein, dass sich junge Menschen fähig und wichtig fühlen! Am Ende des Buches befinden sich 6 Seiten voll mit Jobs, die Kinder in verschiedenen Altersstufen erledigen können. Die Liste soll zeigen, was Kinder tun können, behauptet aber nicht, dass man von Kindern erwarten sollte, dass sie alle tun! Hier sind ein paar wenige Beispiele aus den Seiten 153-158.

 

Zwei Jahre alt oder jünger

  • Sammelt unbenutztes Spielzeug ein und legt es weg.
  • Fegt den Fussboden mit einem kleinen Besen.
  • Wischt auf, was es vergossen und hebt auf, was es fallen lassen hat.

Vier Jahre alt

  • Stellt Gedeck auf den Tisch, auch Porzellangeschirr.
  • Füttert regelmässig die Haustiere nach Plan.
  • Macht einen Salat.

Fünf Jahre alt

  • Macht einfaches Frühstück und wäscht anschliessend ab.
  • Deckt den Mittagstisch.
  • Bringt den Müll aus.

Sechs Jahre alt

  • Giesst Blumen und Pflanzen.
  • Schält Gemüse.
  • Breitet einfaches Essen zu (kocht Eier, macht Toast).

Sieben Jahre alt

  • Ölt und säubert sein Fahrrad und schliesst es ab.
  • Verwaltet selbst kleine Geldbeträge.
  • Bügelt einfache, glatte Stücke.

Acht und neun Jahre alt

  • Moppt und poliert den Fussboden.
  • Näht Knöpfe an.
  • Fängt an, Rezepte zu lesen und für die Familie zu kochen.

Neun und zehn Jahre alt

  • Bezieht Betten neu und legt gebrauchtes Bettzeug in den Wäschekorb.
  • Kauft Lebensmittel nach einer Liste selbständig ein und macht ähnliche Einkäufe.
  • Lernt den Umgang mit einem Bankkonto.

Zehn und elf Jahre alt

  • Verdient eigenes Geld durch Babysitting oder ähnliches.
  • Fährt allein mit dem Stadtbus.
  • Wenn es bei Freund*in übernachtet, packt es den Koffer selbst.

Elf und zwölf Jahre alt

  • Wird Mitglied in Jugend- oder Sportclubs, erledigt Verpflichtungen, nimmt an Veranstaltungen teil, übernimmt Leitungsfunktionen.
  • Stellt selbst einen Plan für Schularbeiten auf.
  • Prüft das Öl im Auto und füllt bei Bedarf nach.